Mit Harald ins Tal der Wurm

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Aachen und das Wurmtal. Ursprüngliche Natur und faszinierende Bauwerke.

Aachen ist fast so alt wie Neuss – soweit man Neusser Historikern Glauben schenkt. Gegründet von Römern als Kur- und Badeort an heißen Quellen. 18 Wanderer erlebten - nach den Unwettern der Tage zuvor - an einem strahlenden Sommertag eine Wanderung durch die ursprüngliche Natur des Tales der Wurm. Am Anfang und am Ende standen baugeschichtliche Monumente von europäischem Rang.

Unser Wanderweg ist Teil des 100 Jahre alten Fernwanderwegs X 1 des Vereins Niederrhein, des Grenzweges, der von Aachen nach Kleve führt. Wir starten am Hauptbahnhof und gehen durch die Altstadt zum Dom. In seinem achteckigen Zentralbau wurde Karl der Große gekrönt und 600 Jahre lang alle deutschen Könige. Bald taucht das historische Rathaus auf, in dem der Karlspreis verliehen wird. Weiter durch die Altstadt, am Rande stehen die Regenschirmdamen. Dann erklimmen wir den Salvatorberg. Heute ist er ein Park. Oben stand seit 997 ein Kloster „für freigeborene Jungfrauen.“ Daneben ringen Teufel und Marktfrau immer noch darum, dass der Teufel die Stadt Aachen nicht zerstört. Eine hübsche Skulptur. Wir stehen beim Lousberg, wo im Auftrag Aachener Bürger der Düsseldorfer Hofgärtner Maximilian Weyhe ab 1807 den ersten von Bürgern gestifteten Landschaftspark in Europa geschaffen hat. Vorher war hier, am höchsten Punkt Aachens, eine kahle Schafweide.

Hinab und vorbei am ehemaligen Kloster St. Raphael und durch die Soers zur Stockheider Mühle, an der die Textilgeschichte der Region deutlich wird. Entlang eines ursprünglichen Bachtals und unter der Autobahn durch, dann steigen wir hoch zum Blauen Stein, einem Obelisken aus napoleonischer Zeit. Das angrenzende Paulinenwäldchen ist nach Napoleons Lieblingsschwester benannt. Dann geht es hinab ins reizvolle Bachtal. Die Wurm kann von hier bis Herzogenrath noch ursprünglich mäandern. Die Wurm war Rückgrat einer Kulturlandschaft mit Mühlen, Webereien und Färbereien. Der Fluss wurde im 19. und 20. Jahrhundert dann vorwiegend aus Abwässern der vielen Steinkohlegruben gespeist. Die schwarze Brühe lagerte ihre Schlämme an den Ufern ab. Erst 1992 wurde die letzte Zeche, Emil Mayrisch, stillgelegt. Jetzt erholt sich das Gewässer. Am Weg sehen wir das denkmalgeschützte Stollenloch der Grube Gouley. In der Grube arbeiteten bis zu 1200 Menschen. Sie wurde erst 1969 geschlossen.

Bei einer der vielen ehemaligen Mühlen kommen wir an die Grenze des „Aachener Reiches“. So hieß das Aachener Umland, das vom Magistrat regiert wurde und das unter dem unmittelbaren Schutz des Kaisers stand. Wer sucht, findet hier noch Reste von Gräben und Hecken. Die Grenzbefestigung gegen das angrenzende Herzogtum Jülich sollte dessen Appetit zügeln. Gleich gelangen wir auf die mächtige Burg Wilhelmstein des Jülich`schen Herzogs Wilhelm, die an der Grenze den Anspruch des Herzogtums verdeutlicht.

Bald zwingen uns zwei in der Flut von 2021 zerstörte Brücken über die Wurm, steile und verwachsene Pfade an den linken Hängen der Wurm zu nutzen. Hier kam die Natur einigen Mitwanderern sehr nahe, aber alle gerölligen Pfade wurde tapfer trotz Brennesseln und Brombeerhecken zäh erobert.

Dann wenden wir uns vom X 1 ab, gehen durch einen etwas gruseligen Bahntunnel und hinauf nach Kerkrade. Das niederländische Städtchen ist Zwillingsstadt von Herzogenrath. Beide, das „Land von Rode“, haben eine gemeinsame Geschichte, bis nach dem Wiener Kongress 1815 eine neue Grenze zwischen Preußen und den Niederlanden das in 700 Jahren zusammengewachsene Städtchen teilte. Wir stehen an der Neustraße/Nieuwstraat. Sie war getrennt durch einen hohen Stacheldraht, um Schmuggler abzuschrecken. Oft erfolglos. Erst mit dem Schengener Abkommen von 1995 endete dieser furchtbare Zustand. Wir gehen über Fußwege ungehindert zum größten Kloster in den Benelux-Staaten, Rolduc. Übersetzt: Herzogenrode.

Es war 1104 von Augustinern gegründet mit Hilfe einer Schenkung des Grafen in Herzogenrath. Bald begannen die Mönche mit dem ersten Steinkohlenbergbau in der Region. Sie beschäftigten später bis zu 400 Bergleute. Das Kloster kam bald zum Herzogtum Limburg, dann zu Brabant und ab 1839 zu den Niederlanden. Es wurde ein Jungengymnasium für die niederländische Oberschicht. Heute sind keine Mönche mehr da, das Kloster ist Tagungsstätte, Hotel, Kulturzentrum. Die Klosterbrauerei mit ihrer Gaststätte hatte, zum Glück, geschlossen. Die schöne Brasserie des Klosters aber betrieb bei gutem Wetter im Innenhof am Kreuzgang eine schöne Restauration. Nach Frietjes oder Appeltaart und Koffie verkeerd wollte manche oder mancher gar nicht mehr aufstehen.

Nach kurzem Weg hinab durch Wald nach Herzogenrath stoßen wir auf den Stammsitz des Grafen von Herzogenrath, die Burg Rode. Die Aussicht von ihrer Terrasse ist phänomenal – wenn sie geöffnet ist. Von hier ist es nicht mehr weit zum Bahnhof und der wie meist – außer heute - zuverlässigen Bahnverbindung nach Neuss.

Wanderbericht (14.09.2025) von Harald Becker

OG Neuss

Am Norfbach 18
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