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Liebeserklärung an den Uedesheimer Rheinbogen von Ulla Quack.

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Im jetzigen Lockdown können wir nur unsere Gedanken und unsere Fantasie auf die weite Reise schicken, denn die Realität mit den hohen Corona-Fallzahlen holt uns schnell wieder auf den Boden der Tatsachen. Aber es gibt auch Kleinode in unmittelbarer Nähe, die einen Ausflug lohnen. Ein Schatz direkt vor unserer Haustüre ist das Naturschutzgebiet Uedesheimer Rheinbogen.

Die meisten von euch kennen es, denn es ist ein beliebtes Ausflugsziel, und dies nicht nur für Neusser.
Vielleicht findet ihr in diesem Beitrag einige überraschende und nützliche Zusatzinformationen. Und wenn dieser Artikel euch zu einem Spaziergang an der frischen Luft animiert, dann hat er seinen Zweck schon erfüllt. Viele beigefügte Fotos machen hoffentlich Appetit, sich die Schönheiten des Uedesheimer Rheinbogens aus der Nähe anzuschauen.
Die folgende Inhaltsübersicht hilft euch bei der Orientierung. Dann „Frisch auf“!
1. Sonnenaufgang – Afrika oder Karibik?
2. Landschaftsskizze – Für den Überblick
3. Rheinroute – Unterwegs auf der A 8
4. Rheinterrassen – Speisen auf dem Schiffsdeck
5. Uedesheimer Fähre – Eine lange Geschichte
6. DLRG – Die Retter in der Not
7. Silvester – Fitness statt Böller
8. Weiße Pracht am Rhein – Kann das sein?
9. Hochwasser am Rhein – Wenn der Pegel steigt
10. Schiff ahoi! – Auf der Wasserautobahn
11. Rheinufer – Urlaubsfeeling am Wasser
12. Flora – Blütenmeer am Rheindeich
13. Fleher Brücke – Noch so jung und doch schon alt und gebrechlich

1. Sonnenaufgang – Afrika oder Karibik?

Keines von beiden, alle Fotos sind in Uedesheim aufgenommen und zeigen den Sonnenaufgang am Rhein. Allerdings muss man schon Frühaufsteher sein, um diese sensationelle Farbenpracht zu genießen.


2. Landschaftsskizze – Für den Überblick

Skizze

3. Rheinroute – Unterwegs auf der A 8

Die hier beschriebene A 8 ist keine mehrspurige Autobahn, sondern die Bezeichnung für eine Wanderstrecke des Eifelvereins Neuss. Der gut ausgeschilderte Weg beginnt in Neuss-Uedesheim auf dem Parkplatz Rheinfährstraße, Ecke Deichstraße, wo sich auch die Endhaltestelle der Buslinie 851 befindet. Von Uedesheim aus geht es circa 3 km am Rhein entlang bis zur Fleher Brücke. Wer meint, für diese kurze Strecke lohne es sich nicht, seine gemütliche Couch zu verlassen, darf gerne am Rhein auf der A 8 bis nach Grimlinghausen oder sogar bis Gnadental weiterwandern.
Und wer immer noch nicht genug hat, kann die gesamte Strecke der A 8 von ungefähr 22 km ablaufen, die wieder zum Ausgangspunkt in Uedesheim zurückführt.

Streckenverlauf der A 8, GPS-Tracks, Beschreibung und weitere nützliche Anwendungen findest du HIER oder auf der Homepage des Eifelvereins Neuss (www.eifelverein-neuss.de)
Achtung, die beschriebene Wanderung ist eher für trockenes Wetter geeignet, und dies nicht nur wegen des besseren Ausblicks auf Landschaft und Rhein. Es geht um den Schuhputz danach, der euch bei Matsch und Regen leider nicht erspart bleibt. Der Dreck unter den Sohlen ist sehr hartnäckig und lässt sich nicht einfach ausklopfen.
Gleich zu Beginn der Wanderung findet ihr links vom Deichtor eine Gedenktafel, die an die „Alte Batterie“ erinnert. Das hat nichts mit der Entsorgung verbrauchter Akkus zu tun, sondern mit den Franzosen, die 1794/95 mit ihrer Artillerie am Uedesheimer Rheinbogen Stellung bezogen. Die historische Stätte liegt unmittelbar am Wanderweg A 8, circa 2 km von der Bronzetafel und 1 km von der Fleher Brücke entfernt. Heute sieht man außer einer Erdaufschüttung nichts mehr.


4. Rheinterrassen – Speisen auf dem Schiffsdeck

Zu einem gelungenen Ausflug gehört für viele Spaziergänger und Wanderer eine Einkehr entweder als Motivationsschub zu Beginn oder als krönender Abschluss. Hierfür bietet sich das Restaurant Rheinterrassen an. Bei frisch gezapftem Bier, leckerem Cappuccino oder schmackhaftem Essen schweift der Blick von der Außenterrasse auf den Rhein. Selbst wenn das Wetter mal nicht mitspielt, kann man in den Innenräumen einen Fensterplatz mit Panoramasicht auf den Deich und den schnell dahinfließenden Strom reservieren und genießen. Man fühlt sich wie ein Passagier auf einem Flussfahrtschiff. Kein Wunder, denn das Gebäude ist dem Bug eines Schiffes nachempfunden. Es wurde 2002 eingeweiht und ersetzte die beliebte „Alte Rheinterrasse Nix-Henn“, die zum Bedauern vieler Neusser Ausflügler 1999 ihren Betrieb aufgab. Der Neubau auf der anderen Seite des Deichtors und mitten in den Deich hinein führte zu kontroversen Diskussionen in der Bevölkerung. Nach der Fertigstellung haben sich die Gemüter beruhigt und inzwischen gilt es als Uedesheimer Flaggschiff, das am Rhein vor Anker gegangen ist und gerne für Hochzeitsfeiern, runde Geburtstage und andere Anlässe gebucht wird.

5. Uedesheimer Fähre – eine lange Geschichte

Rechts neben dem Deichtor erinnern zwei Tafeln an die lange Tradition der Rheinfähre und an das Fährunglück vom 7. März 1947:
Bereits seit Jahrhunderten hatte es zwischen Uedesheim und Himmelgeist eine Fährverbindung gegeben. 1888 wurde die bis dahin existierende Fähre durch eine Querseilponte ersetzt.
Am 7. März 1947 kam es zu einem folgenschweren Unglück. Die Fähre St. Antonius versank im Rhein, der zu diesem Zeitpunkt Treibeis führte. Bei dem Untergang kamen mindestens 14 Menschen ums Leben. Dass das Unglück nicht mehr Opfer forderte, lag am mutigen Einsatz einer niederländischen Schiffsbesatzung, die allein 17 Fahrgästen das Leben rettete. Die Bilder der Katastrophe verfolgten den damaligen Fährmann und Unglückskapitän Theo Rodewig bis zu seinem Tod 2003. Sein Neffe Dr. Klaus Rodewig hat diese Tragödie in eine spannende Familiengeschichte eingebettet und als Roman unter dem Titel „Wenn das Eis taut“ 2020 im Projektverlag veröffentlicht.
Noch bis zur Errichtung der Fleher Brücke Ende der 1970er Jahre waren das linksrheinische Uedesheim und das rechtsrheinische Himmelgeist durch eine Autofähre miteinander verbunden. Der Betrieb wurde erst 1978 eingestellt. Das Ende der Fähre „St. Antonius“ war ein schmerzhafter Einschnitt für die Neusser Bevölkerung, denn sie diente jahrzehntelang als praktische Verbindung für Berufstätige, die z. B. bei der Firma Henkel beschäftigt waren, oder für Ausflüge nach Himmelgeist und andere Düsseldorfer Ortsteile.
Auch heute noch gibt es eine Fährverbindung zwischen Uedesheim und Himmelgeist, allerdings mit vielen Einschränkungen: Die Fahrrad- und Personenfähre „Maria Franziska“, die im Düsseldorfer Hafen ihren Liegeplatz hat, ist nur im Sommer bei schönem Wetter an Sonn- und Feiertagen in Betrieb, und nicht bei Hoch- oder Niedrigwasser und nicht zu Zeiten der Düsseldorfer Kirmes. 2020 ist sie wegen Corona kein einziges Mal gefahren. Übrigens, sie ist prädestiniert für Fahrradrundtouren am links- und rechtsrheinischen Ufer. Wer für einen am Sonntag geplanten Ausflug wissen möchte, ob die Fähre übersetzt, kann dies unter www.rhein-faehre.de nachschauen.


6. DLRG – Die Retter in der Not

Baden am Rhein ist wie ein Spaziergang auf der Autobahn. Beides ist lebensgefährlich. Die Rettungswache der DLRG Uedesheim sorgt in den Sommermonaten am Wochenende dafür, dass kein Badender sich aus Leichtsinn oder Unwissenheit in Gefahr bringt. „Hilfsbedürftige Person im Rhein, gekentertes Kanu, abgetriebenes Schlauchboot, Schwimmer im Fahrwasser“ sind typische Einsätze.
Besonders gefordert waren die Lebensretter am 8. August 2020, als das Thermometer auf über 35 Grad hochschnellte und Freizeitmöglichkeiten wegen Corona eingeschränkt waren. Wie es an dem Tag auf der gegenüberliegenden Rheinseite trotz Abstandsgebot aussah, zeigt das Foto vom Himmelgeister Badestrand. Die Lebensretter konnten einen im Rhein hilflos treibenden Mann mit einem Hochwasserboot und einem Rettungsboot von der Himmelgeister Seite zur Uedesheimer DLRG-Station bringen, wo er erstversorgt und anschließend mit dem Rettungswagen abtransportiert wurde.
Übrigens Baden im Rhein ist grundsätzlich nicht verboten, als Fußgänger über die Autobahn zu spazieren allerdings schon.

7. Silvester – Fitness statt Böller

Alle Jahre wieder findet am letzten Tag des Jahres der Neusser Silvesterlauf statt, mit Ausnahme von 2020, wo dieses Uedesheimer Großereignis wegen Corona abgesagt werden musste. 2018 erreichten 756 Läufer und Läuferinnen nach einer 10-km-Runde das Ziel am Uedesheimer Deichtor. Bei einer Siegerehrung wurden die besten Läuferinnen und Läufer unter großem Beifall der zahlreichen Zuschauer geehrt. Die schnellsten unter ihnen brauchten für diese Strecke kaum mehr als eine halbe Stunde und sind damit ungefähr viermal so flott wie ein Wanderer.

8. Weiße Pracht am Rhein – Kann das sein?

Man reibt sich nach dem Aufstehen ungläubig die Augen, wenn der Schnee es bis ins niederrheinische Flachland geschafft hat und tatsächlich liegen bleibt. Der Uedesheimer Rheinbogen sieht dann wie gepudert aus. Die Kinder holen in aller Frühe ihre Schlitten hervor, um trotz des spärlichen Schnees den Deich hinunter zu rodeln. Nachmittags ist der Spuk meist vorbei und nur noch die kläglichen Reste eines Schneemanns erinnern an das vergängliche Schneeparadies.


9. Hochwasser am Rhein – Wenn der Pegel steigt

Anwohner und Schaulustige gaben sich Anfang Februar 2021 ein Stelldichein am Rhein, um das Naturspektakel der überfluteten Wege und Wiesen zu verfolgen und zu fotografieren. Besondere Attraktion waren die Ruderer und Paddler, die unter Umgehung der reißenden Strömung im Rhein eine Abkürzung über die unter Wasser stehenden Wiesen wählten. Was so faszinierend und gleichzeitig bedrohlich aussah, war keine Gefahr für die Bevölkerung. Der Höchststand betrug am 8. Februar 8,25 m und ist damit noch weit unter dem Level, bei dem wegen der Überschwemmungsgefahr das Uedesheimer Deichtor als erstes Tor auf dem Neusser Stadtgebiet geschlossen werden muss. Dies geschah das letzte Mal vor 18 Jahren (2003). Wundert euch nicht, wenn ihr die Fotos mit der Schließung des Uedesheimer Deichtores seht. Es stammt nicht aus dem Jahr 2003, sondern wurde 2021 aufgenommen, als die Funktionsfähigkeit der Schotten in einem Testlauf überprüft wurde. Für Interessierte hier die höchsten Pegelstände der letzten 100 Jahre: 1926 (11,10 m), 1993 (10.24 m) und 1995 (10,32). Alle Meter-Angaben beziehen sich auf den Düsseldorfer Pegelstand (D.P.) Seit zwei Jahren wird der Wasserstand nicht mehr an der Neusser Pegeluhr gemessen, sondern in Düsseldorf. Der Neusser Pegelstand (N.P.) liegt circa 80 cm höher.
Wie eine Tafel in der Nähe des Deichtores zeigt, wurde ab 1994 der Hochwasserschutz in Uedesheim laufend verbessert und die Deiche in Konstruktion und Höhe an die inzwischen verschärften Richtlinien angepasst.

10. Schiff ahoi! – Auf der Wasserautobahn

Der Rhein ist eine der meist befahrenen Binnenwasserstraßen der Welt und der wichtigste deutsche und europäische Fluss für den Gütertransport. Es ist erstaunlich, was alles vor unseren Augen auf dem Rhein transportiert wird. Hier einige Beispiele: Windkrafträder, große Turbinen, Traktoren, Schrott und massenweise Container. Hinzu kommen Spezialschiffe, z. B. Flusskreuzfahrt, Wasserschutzpolizei, Zoll, Bagger zum Vertiefen der Fahrrinne, Tauchglocke zum Abtauchen auf den Rheingrund. Wer Näheres über die vorbeifahrenden Schiffe und deren Routen wissen möchte, kann sich die App „Schiffsradar“ auf sein Smartphone herunterladen.

11. Rheinufer – Urlaubsfeeling am Wasser

Zugegeben, an feinsandigen Strand wie an der Nordsee sollte man nicht denken, wenn man einen Abstecher direkt ans Rheinufer plant. Dafür wird man mit einer naturbelassenen und vielfältigen „Küstenlandschaft“ entlohnt. Urwüchsige und von Wind und Wasser gebeutelte Bäume mit knorrigem Wurzelwerk wechseln sich ab mit Kies-, Sand- und Muschelstränden. Dies ist die beste Gelegenheit, um frische Meeresluft zu tanken, dem Knacken der Muscheln unter den Schuhsohlen zu lauschen, die Meeresbrise zu riechen, den Seewind in den flatternden Haaren zu spüren, die Schiffe beim Vorbeituckern zu beobachten, das Schwappen der Bugwellen zu verfolgen oder flache Kieselsteine auf dem Wasser flitschen zu lassen.
Und zwischen alledem findet man große rechteckige Tafeln, die in der von der Natur geprägten Uferzone wie ein Fremdkörper herausragen. Auf ihnen ist mit riesiger Schrift eine dreistellige Zahl, ein Kreuz oder eine Ziffer gedruckt, die als Orientierung für die Schifffahrt dienen. Sie sind Bestandteil der Rheinkilometrierung, die bei Konstanz am Bodensee mit 0 km beginnt, am Uedesheimer Rheinbogen 730 bis 732 km beträgt und bei 1033 Km in Hoek van Holland endet. Ein Kreuz steht für halbe Kilometer, also für 730,5 oder 731,5 km, und die Ziffern 1 bis 4 sowie 6 bis 9 für die 100-Meter-Abschnitte.

12. Flora – Blütenmeer am Deich

Das Uedesheimer Rheinbogen ist einer der wenigen naturbelassenen Abschnitte des mittleren Niederrheins. Das 109 Hektar große Areal steht seit 1987 unter Naturschutz. Außerdem wurde es nach EU-Richtlinien als Fauna-Flora-Habitat-Gebiet (FFH) ausgewiesen, um gefährdete Lebensräume sowie Tier - und Pflanzenarten zu erhalten.
Ein ganz besonderes Erlebnis ist der Besuch der Biotopwiesen im Bereich des alten Rheindeichs. Seltene Pflanzenarten, üppige Vegetation und farbenfrohe Blütenteppiche erwarten den aufmerksamen Spaziergänger zur Hauptblütezeit im Mai und Juni. Aber seht selbst, die Fotos sprechen für sich.
Viele Mitglieder des Eifelvereins Neuss werden sich mit Wehmut an die pflanzenkundlichen Wanderführungen von Otto Saarbourg erinnern, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr stattfinden können.
Wer sich genauer über die Artenvielfalt am Uedesheimer Rheinbogen informieren möchte, kann sich aber bei der Volkshochschule Neuss zu einer botanischen Exkursion am Sonntag, den 6. Juni 2021, anmelden. Leiterin ist die Biologin Frau Dr. Regina Thebud-Lassak, die schon häufig Kursteilnehmer anschaulich und kurzweilig bei einem Deichspaziergang in die Geheimnisse der Botanik eingeweiht hat.

13. Fleher Brücke – noch so jung und schon alt und gebrechlich

Erst 1979 fertig gestellt und eröffnet, wurden schon 2003 bei einer Routineuntersuchung die ersten Rostschäden an den Tragseilen festgestellt. Seitdem gab es immer wieder Hiobsbotschaften zum Gesundheitszustand der vielbefahrenen, sechsspurigen Autobahnbrücke. Im November 2020 stand endgültig fest, dass der Patient trotz verzweifelter Versuche der Runderneuerung nicht mehr genesen wird. Die Brücke weist irreparable Schäden auf und muss durch eine neue ersetzt werden. Sie wird durch Sanierungen so lange betriebsbereit gehalten, bis die neu zu bauende Brücke einsatzbereit ist. Um die Außenseiten des geschädigten Bauwerks zu entlasten, sind nur je zwei Spuren auf der Brückeninnenseite für den Autoverkehr freigegeben – vielleicht eine Chance, um die Außenspuren für den Radfahrverkehr zu nutzen?
Für den Spaziergänger oder Wanderer ist die Brücke ein markanter Orientierungspunkt. Der 146 m Meter hohe Pylon, der die Form eines auf dem Kopf stehenden „Y“ hat, ist der höchste Brückenpylon Deutschlands und schon von weitem sichtbar.
Unmittelbar vor Erreichen der Fleher Brücke sieht man von Ferne ein weißes Gebäude, das hochwassergeschützt auf einer Anhöhe steht und großräumig eingezäunt ist. Es gehört zum Wasserwerk Rheinbogen, das die Trinkwasserversorgung für den Neusser Süden gewährleistet.

Texte und Bilder: Ulla Quack